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Deuticke, 446 Seiten.

Lily Brett ist eine scharfsichtige, intelligente Beobachterin der New Yorker Gesellschaft. In ihrem stark autobiografisch gefärbten Roman erzählt sie „einfach so“ vom Leben einer Frau, die mit einem Künstler verheiratet ist, drei Kinder und einen nicht ganz alltäglichen Beruf hat. Esther schreibt als freie Journalistin Nachrufe für verschiedene Zeitungen. Was manche ihrer Freundinnen als „morbid“ empfinden, ist für Esther ein „wundervoller Job“: Sie liebt es, das Leben anderer Menschen wie ein Puzzle zusammenzufügen. Zu den Reichen, Schönen und Prominenten New Yorks hat Esther ein distanziertes Verhältnis: Sie ist (wenn auch nur am Rande) ein Teil dieser Gesellschaft und fühlt sich doch als Außenseiterin: Die Oberflächlichkeit, die fehlende Würde und Rastlosigkeit dieser Menschen schrecken sie ab.

Esthers Leben ist überschattet vom Holocaust und den schrecklichen Erinnerungen ihrer jüdischen Eltern, die als KZ-Häftlinge unvorstellbare Grausamkeiten erdulden mussten. Lily Brett, beschreibt auf schmerzliche und eindringliche Weise, was es bedeutet, als Angehörige der sogenannten „zweiten Generation“ mit diesen Erinnerungen fertigwerden zu müssen. Was viele so gerne vergessen möchten, ist für diese Menschen noch längst nicht vorbei: Die Schmerzen, die Demütigungen und die Angst leben weiter. Auch in Esther sind die Schrecken des Holocaust noch immer lebendig: Sie tauchen unvermittelt auf. Bilder drängen sich in ihren Kopf: Es sind schockierende Bilder, die Wut, Übelkeit und Entsetzen auslösen.

Lily Bretts Blick in die Seele der Überlebenden und ihrer Nachkommen ist schmerzlich. Esther hat eine Menge Probleme. Ihre Ängste und Unentschlossenheit konnten auch zwölf Jahre intensive therapeutische Behandlung nicht vertreiben. Die Beziehung zu ihrem Vater ist problematisch. Esther fühlt sich oft entwurzelt und heimatlos. Und doch ist „Einfach so“ keine deprimierende, tieftraurige Geschichte. Es gibt sogar jede Menge zu lachen: Etwa dann, wenn Lily Brett in ihrer unverblümt-direkten Sprache den ganz normalen New Yorker Wahnsinn beschreibt, wenn sie über Sex spricht oder mit feiner Ironie, die Rituale der sogenannten „feinen Gesellschaft“ auf die Schaufel nimmt. Auch die eigene jüdische Welt betrachtet Brett mit liebevoll-ironischen Augen (Esther über ihren Mann, mit dem sie seit vielen Jahren glücklich verheiratet ist: „Sean sieht wie ein Jude aus, aber es ist leicht zu erkennen, dass er keiner ist. Er sieht einfach einfach zu fröhlich aus!“).

Lily Brett hat ein schrecklich-schönes Buch geschrieben, das einen von der ersten bis zur letzten Seite in seinen Bann zieht - einfach so!

Bewertung: 10 Punkte (beste Bewertung: 10 Punkte)