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[amazonadd=3406576915]In der indischen Metropole Bangalore steht der Besuch des chinesischen Ministerpräsidenten Wen Jiabao bevor. Dieses Ereignis nimmt der Inder Balram Halwai zum Anlass, dem Ministerpräsidenten in einem Brief die "Wahrheit über Bangalore" zu erzählen. Balram lässt seine Lebensgeschichte Revue passieren, angefangen von den ärmlichen Verhältnissen, in denen er als Sohn eines Rikscha-Fahrers aufwuchs, über seinen ersten Karrieresprung zum Diener einer Unternehmerfamilie bis hin zur Gründung seines eigenen erfolgreichen Startup-Unternehmens in Bangalore.

Doch seine Karriere hat nichts mit dem traumhaften Aufstieg eines Tellerwäschers zum Millionär zu tun. Die Erniedrigungen, die er als Diener erfährt, und das Leben der Reichen, ihre Vergnügungen, Shopping-Orgien und Alkoholexzesse, nimmt Balram zunächst als naturgegebene Tatsache hin, denn er scheint wie seine Leidensgenossen zu einem Leben im "Hühnerkäfig" verdammt zu sein.

Wie der weiße Tiger, der nur einmal in jeder Generation auftaucht, sieht Balram plötzlich seine Chance gekommen, aus der Welt der Hühnerkäfigs auszubrechen. Er ermordet seinen Arbeitgeber, dem er bisher loyal ergeben war, und bemächtigt sich seines Koffers, in dem sich Bestechungsgelder für die Regierung befinden. Das Geld wird ihm nicht nur zum Aufbau seines Startups dienen, sondern auch zur Bestechung der Polizei, die bereits nach ihm fahndet.

Mit der Gewissheit, dass er dem Unrechtssystem entkommen ist und eine persönliche Erfolgsgeschichte geschrieben hat, weiß Balram aber auch, dass er seine jetzige Position als "Entrepreneur" nur mit jenen Unterdrückungsmitteln verteidigen kann, unter denen er selbst gelitten hat.

Aravind Adiga hat mit seinem Debütroman "Der weiße Tiger" ein Werk von moralischer Tragweite geschrieben, das jedoch mit der Leichtigkeit eines Schelmenromans die Gesellschaft stets aus der Perspektive des Außenseiters betrachtet. Während Brecht noch behaupten konnte: "Doch die im Dunkeln sieht man nicht", wendet Adiga diese Behauptung für die indische Gegenwartsgesellschaft ins Umgekehrte: Jene im Licht sieht man nicht, da sie über die finanziellen Mittel verfügen, sich dem Rechtswesen zu entziehen.

Aravind Adiga lebt in Mumbai und ist als Journalist für die "Time" und "Financial Times" tätig. Für sein Erstlingswerk "Der weiße Tiger" erhielt er 2008 den renommierten Booker Prize.